Franziska zieht in ihre Zelle ein und lernt freundliche Insassinnen kennen, die gemeinsam Gospel-Gottesdienste feiern.
Anmerkung: Das hier ist eigentlich Brief Nr. 2. Wir posten ihn erst jetzt – nach Brief Nr. 3, weil er erst später angekommen ist. Ist er länger einbehalten worden? Mittlerweile haben wir auch schon Brief Nr. 5 und 7 bekommen – wir gehen also davon aus, dass entweder Briefe zurückgehalten werden, oder aber in willkürlicher Reihenfolge durch die Kontrolle gehen. Wir werden euch auf dem Laufenden halten – die nächsten Botschaften aus dem Knast? To be continued…
Brief Nr. 02 (Poststempel 18.08.2010)
Ich stehe in meiner Zelle. Darin befindet sich ein Tisch, ein Stockbett, zwei Stühle, zwei kleine Schränke, zwei gammlige Mülleimer (einer aus Kunststoff und einer aus Blech) übereinander gestapelt, ein Waschbecken, eine Toilette, eine verstaubte Mappe mit der Hausordnung und ein Radio. Als ich sehe, dass Toilette und Waschbecken sich nur durch einen Vorhang vom übrigen Raum abtrennen lassen, finde ich es angenehm eine Zelle für mich alleine zu haben. Ich packe meine Kiste aus. Die Kleidung in den hinteren Schrank, meine Bücher auf den Tisch. Ebenso das Geschirr. Es gibt einheitliches Kunststoffgeschirr. Eine große Kanne, eine Tasse, zwei Teller, einen tiefen und einen flachen, zwei Messer, eine Gabel und einen kleinen Löffel. (Der Film „Plastic Planet“ scheint hier nicht bekannt oder egal zu sein.) Außerdem befinden sich am Boden der Kiste ein Geschirrtuch, ein Lappen, ein Putzlumpen, mehrere Waschlappen sowie folgende Hygieneartikel: Zahnbürste, Zahnpasta („mit Fluor“ steht groß darauf), Kamm, und fünf Portionspäckchen beschriftet mit „Shampoo, Dusch- & Badegel“.
Ich sehe mir das kahle Holzbrett über dem Tisch an. Das ist für Fotos bestimmt. Alle Bilder, die ich dabei habe, befinden sich noch im Gepäck auf der Kammer. Aber Montag kann ich diese vielleicht bekommen. Mir fällt auf, dass ich immer noch keine Stifte habe. Das ist für mich essentiell. Ich drücke den „Notfallknopf“ und werde auf „später, wenn die Türen offen sind“ vertröstet. Ich beziehe mein Bett – wenn ich schon die Wahl habe, nehme ich natürlich das obere. Von dort aus begutachte ich den Ausblick aus meinem Fenster. Die Mauer mit Stacheldraht hatte ich erwartet. Sie endet allerdings bereits unterhalb meines Fensters. Dahinter schöne Häuser, Bäume – sogar etwas Gartenfläche ist zu sehen, und im Hintergrund bewaldete Berge. Das alles natürlich hinter doppeltem Gitter.
Kurz darauf geht die Tür tatsächlich auf und es wird „Abendessen“ gerufen. Ich spähe auf den Gang. Darf ich da einfach raus? Scheint so. Geschirr mitnehmen, aber welches? Ich entscheide mich für einen der Teller und Besteck. Das eigentliche Essen enthält Käse, aber es gibt eine extra für mich bereitgestellte Portion Reis mit ein paar Erbsen. Eine freundliche Frau hinter der Ausgabe fragt mich, welche Brotsorte ich will und als ich mir eine Scheibe nehme, sagt eine daneben stehende Beamtin: „So nicht! Sie warten, bis sie es Ihnen gibt.“ Ich bekomme noch mehr Brot. Dann brauche ich meine Kanne um heißes Wasser vom Ende des Flures zu holen. Zwei ganze Packungen mit Beuteltee habe ich bei der Essensausgabe nämlich auch bekommen. Ich habe mich für Kräuter und Kamille entschieden, weil ich Früchtetees nicht mag – schade dass es keinen Schwarztee gibt! Bevor ich wieder eingeschlossen werde erfahre ich noch, dass es etwa 16:00 ist und um 17:00 die Türen wieder aufgehen und dass ich dann Stifte bekäme. Leider habe ich vergessen, einen Wecker oder eine Uhr einzupacken – aber wer weiß, ob ich das überhaupt hätte auf der Zelle haben dürfen. Ich stelle heute so viele Fragen, dass ich mir wie ein kleines Kind vorkomme.
Wieder eingeschlossen esse ich nur wenig und hebe den Rest für später auf – richtig Hunger habe ich nicht. Ich lege mich hin und will lesen, bin aber so müde, dass ich schnell einschlafe. Ich wache davon auf, dass die Zellentür aufgeht. Es ist etwa 17:00 und „Aufschluss“, das heißt, die Zellentüren stehen offen und jede kann sich auf dem Gang frei bewegen. Bei der Anmeldung auf der Kammer konnte ich frei auswählen, ob ich daran teilnehmen möchte. Ich rapple mich auf und verlasse vorsichtig die Zelle.
Um nicht allzu verloren auf dem Gang herum zu stehen, sehe ich mir die Aushänge an: Ein Speiseplan, gleich zwei Aushänge über Buchbestellungen (geht nur über Verlage), Wasserkocher kosten etwa 24€, die Kosten für das Haareschneiden werden nicht mehr von der Anstalt übernommen, … Auch zum Thema Einkauf steht dort etwas. Dieser findet nur 14tägig statt. Somit kann ich aufgrund meiner kurzen Haft entweder rein zeittechnisch gar nichts einkaufen, oder es würde dann nicht mehr allzu viel Sinn machen. Der Einkauf spielt hier eine wichtige Rolle, da er neben Besucherpäckchen (bestehend aus Süßigkeiten, einem Softdrink- Getränk und Tabak, die Besucher_innen müssen sie vom Knast kaufen) die einzige Möglichkeit darstellt über den Speiseplan hinausgehende Nahrungsmittel zu bekommen und somit auch über Luxusgegenstände wie Kaffee oder Schokolade zu verfügen. Mir fehlt besonders der Zucker. Meinen mitgebrachten durfte ich nicht haben. Das sei grundsätzlich so, weil die Gefahr zu hoch sei, dass in soetwas Drogen versteckt sein könnten, wurde mir gesagt. Neben einem der Aushänge hängen an Schnüren diverse Papiere. Unter anderem ein Heftchen über Postwertzeichen. Es ist schon etwas vergilbt. Als ich es mir genauer ansehe, entdecke ich, dass die Preise der Briefmarken alle noch in D-Mark angegeben sind.
Ich setze mich auf einen Stuhl in meiner Zelle und trinke Tee. Plötzlich stehen drei Frauen in der Tür. Eine – pink gekleidet – mit tätowierten Oberarmen und ständig tanzend – fragt: „Hi, bist du neu?“ – „Was für eine doofe Frage,“ kommentiert die Nächste. Sie stellen sich vor, aber leider vergesse ich ihre Namen sofort wieder. Sie müssen deutlich länger bleiben als ich und ich schäme mich ein bisschen dafür. Ich erfahre, dass jeden Tag Aufschluss ist – nur am Wochenende, da sei langweilig. Aber ich könne mich umschließen lassen.
Wenig später toben „die Pinke“ und eine ihrer Freundinnen albern auf dem Gang herum. Das sei alles nur Spaß, erklärt mir die Freundin und fragt mich nach ihrem Alter. Sie selbst ist 35, kommt mir aber vor wie eine „Big Mama“. „Komm, ich stell‘ dir noch ein paar Mädels vor,“ sagt sie zu mir und führt mich zu einem Viererzimmer ein paar Türen weiter. Wie überall dudelt auch hier das Radio. Fernseher habe ich noch keinen gesehen, was ich sehr angenehm finde. Aus den Gesprächen der anderen Insassinnen entnehme ich, dass diese dies anders empfinden. Fünf junge Frauen sitzen in dieser größeren Zelle bereits um einen Tisch. Auch ihre Namen kann ich mir nicht merken. Sie fragen, weshalb ich im Knast bin und ich erzähle kurz von der Baustellenbesetzung gegen das Kohlekraftwerk. „Big Mama“ sitzt wegen Betrug. „Ich frage mich, wie das Betrug sein kann, wenn ich dem Käufer meinen Namen und meine Anschrift gegeben habe,“ sagt sie, „aber ich bin Zigeunerin, bestimmt deshalb.“ Die erste der am Tisch sitzenden: „Erschleichung von Leistungen.“ Die nächsten drei: „Diebstahl.“ – „Papiere,“ sagt die letzte. Letzteres berührt mich, weil ich vermute, dass dem Mädchen unter Umständen Abschiebung drohen könnte. Die anderen Fälle bestätigen mich in meiner Einschätzung, dass sehr viele Menschen wegen Eigentumsdelikten sitzen. Wie kann es sein, dass Eigentum in unserer Gesellschaft einen derart hohen Wert hat, dass Menschen deshalb eingesperrt werden? Ich werde gefragt, ob ich „nachher auch mitmachen will“. „Was macht ihr,“ frage ich. – „Beten.“ – „Beten?“ – „Ja, wir beten, aber mehr wie Gospels, ohne Kirche und so.“ Ich sage, dass ich nicht an Gott glaube und werde eingeladen, trotzdem dabei zu sein.
Zwischenzeitlich suche ich eine Art kleines Büro gegenüber meiner Zelle auf und bekomme dort Briefumschläge und einen Kugelschreiber. „Kann ich nicht zwei haben, für den Fall, das der leer geht?“ – „Schreiben Sie erstmal, bis der leer ist.“ Ich bemängele noch, dass ich in meiner Zelle kein Toilettenpapier befindet und bekomme wenig später welches. Ich soll auch einen Zettel unterschreiben, dass ich bei Verlust oder Beschädigung von Gegenständen auf Ansprüche verzichte und verweigere die Unterschrift, wie auch schon zuvor auf der Kammer. Danach vertreibe ich mir irgendwie die Zeit.
Etwas später geht dann „der Gottesdienst“ los. Über zehn Frauen sitzen im Kreis auf Stühlen, nur „Big Mama“ und die rosa gekleidete stehen. Ich denke „zuhören schadet nicht“ und setze mich auf einen Tisch außerhalb des Stuhlkreises. „Big Mama“ moderiert die Veranstaltung und leitet das ganze mit einem gemeinsam gesprochenen „Vater unser“ ein. Dann fordert sie die Anwesenden auf, über Zeichen Gottes, die sie erlebt haben, zu sprechen. Eine Frau erzählt darauf hin von ihrer überwundenen Magersucht und wie sie sich wieder aufrappelt hat. „Big Mama“ führt das fort mit Geschichten, die sie von anderen anwesenden Frauen weiß. Anschließend schlägt sie vor, „Oh Happy Day“ zu singen. Da sie auch Sängerin für Jazz, Blues und alles mögliche ist (wenn sie wieder draußen ist, will sie ein Konzert geben und alle hier einladen), hört sich das sehr gut an. Allerdings unterbricht sie ihren Gesang immer wieder um sich darüber zu beschweren, dass alle anderen dann auch aufhören zu singen. Es folgt ein Lamentieren: „Ich kann den Text nicht.“ – „Ich auch nicht.“ … Nach dem Lied wird laut gebetet. Die Einzelnen bitten um verschiedene Dinge – teilweise auch in anderen Sprachen, die ich nicht verstehe. Eine Frau betet darum, dass sie und ihr Mann „endlich eine Wohnung finden, damit wir nicht mehr obdachlos sein müssen.“ Eine 19jährige betet auf spanisch, weint und endet mit den deutschen Worten: „Ich vermisse meine Mutter so sehr. Bitte hilf, dass ihr nichts passiert!“ Nachdem einige so gebetet haben, wird noch einmal intensiv gesungen (Unterbrechung durch die Gegensprechanlage: „Etwas leiser, wenn’s geht.“) und zum Abschluss noch einmal das „Vater unser“ gebetet.
Dann sitze ich wieder auf meiner Zelle und versuche zu lesen. Die Türen sind immer noch offen. Eine junge Frau aus der Nachbarzelle kommt herein. Sie fragt mich, was ich lese ob ich nicht ‚rüberkommen wolle. Ich frage: „Was macht ihr so.“ – „Wie immer: Chillen, reden, nichts besonderes.“ Ich komme trotzdem mit. Zu fünft sitzen wir in einer Zelle, die genauso groß ist wie meine und von zwei Frauen bewohnt wird. Eine der beiden kommt möglicherweise Anfang nächster Woche raus – das hängt aber von einer Gerichtsentscheidung ab. Darum und um alles mögliche andere dreht sich das Gespräch. Irgendwann sagt eine: „Alle Afrikaner stinken!“ Ich finde das rassistisch und eine Debatte entflammt. Eine sagt: „Das ist einfach so. Die Deutschen stinken zum Beispiel alle aus dem Mund.“ Eine andere erzählt, dass sie mal mit einer Afrikanerin geteilt hätte, die überhaupt nicht stank.
Irgendwann kommt aber das Signal zum Einschluss. Auf der Zelle esse ich mein immer noch herumstehendes Abendessen. Dann fange ich an, meine Erlebnisse aufzuschreiben, bis ich irgendwann zu müde dafür bin.
Sehr geehrte Franziska Wittag,
die Erzählung Ihres sogenannten zweiten Briefes empfinde ich
als sehr anrührend und traurig zugleich. „Big Mama“ hat an-
acheinend eine große Seele. – Was Sie hier beschreiben, wird
literarisch erhalten bleiben.
Freundlichen Gruß: Uto R. Engelhardt