Franziska wird gezwungen, im knastinternen Betrieb zu arbeiten. Abends zeigt sie anderen, begeisterten Mitinsassinnen die Strafvollzugsgesetze und verbringt einen schönen Abend mit den anderen Frauen auf der Zelle.
Brief Nr. 8 (Poststempel 20.09.2010, geschrieben am 19.08.2010)
Donnerstag ist mein erster Arbeitstag im Knast. Kurz nach dem Frühstück werde ich abgeholt. Schuhe muss ich noch anziehen und dann auf dem Gang warten. Eine Beamtin bringt mich und fünf weitere Gefangenen „in den Betrieb“. Dazu müssen wir durch mehrere verschlossene Türen. Dann stehen wir in einem großen, hellen Raum mit nur einfach vergitterten Fenstern, die in den Gefängnishof zeigen. Es gibt Schreibtische, auf denen wir Mappen zusammenbasteln sollen. Wir kriegen das vorgeführt.
Da sind Mappen aus dunkelblauen Karton, in der Mitte immer ein Papstreifen mit vier Löchern. Dann ein grauer dünner „Schlauch“ aus Kunststoff. Der wird durch die Löcher gefädelt. Dann eine weiße Schiene (auch Kunststoff) mit zwei Löchern. Die Schlauchenden müssen durch die Löcher der Schiene und dann unter dieser festgeklemmt werden, so dass sie waagrecht zur Seite zeigen. Auf diesen Schlauchenden muss dann ein eckiges U (weiß, Kunststoff) aufgesteckt werden. Letzteres erfordert ein bisschen Kraft und schon sehr bald tut mir die linke Hand weh. Das schwierige dabei: die Mappen dürfen nicht geknickt, sondern nur vorsichtig aufgebogen werden. „Schließlich sollen sie noch verkauft werden,“ so die uns einweisende Beamtin.Eigentlich gibt es eine vorgegebene Stückzahl: 117 Stück pro Stunde. Andernfalls gibt es Lohnkürzungen. Der volle Stundenlohn wäre für Untersuchungsgefangene etwa 0,63€. Ich rechne: Das macht etwas mehr als einen halben Cent pro Mappe. Der Lohn für uns Strafgefangenen liegt etwas höher, aber ich weiß ihn nicht. Ich suche die Mappen nach dem Label einer Firma ab. Aber sämtliche Teile sind neutral. Ich wundere mich über den Verwendungszweck dieser seltsamen Mappen. Einer meiner Mitgefangenen weiß, dass so etwas für Patientenakten in Krankenhäusern verwendet wird. Aber eigentlich dürfen wir gar nicht reden und als ich irgendwann anfange vor mich hinzusummen, sagen mir die anderen, ich solle besser aufhören, bevor die Beamtin mich hört. Mit der Zeit kommen noch zwei weitere Frauen dazu. Um viertel vor neun soll Pause sein. Der Zeiger an der Uhr im Vorraum wird immer langsamer. Eine andere Gefangene, die uns zuarbeitet, setzt schon einmal Kaffeewasser auf. Doch um viertel vor neun gibt es dann nicht die erwartete Pause.
Stattdessen werden wir in einen schlauchartigen Raum geführt und sollen dort warten. Das Warten zieht sich in die Länge. Zwei Frauen entdecken einen Fernseher und schalten einen Musiksender ein. Ich rolle mich zusammen, versuche zu schlafen. Geht nicht, trotz großer Müdigkeit. Mir ist kalt. Ich klettere zum Fenster und schaue auf den Hof. Setze mich wieder auf den Boden. Eine Mitgefangene fragt mich: „Hey sag mal du bist doch so ’ne Öko-Tussi, oder? Sag schon. Habe ich recht, oder? Das sieht man irgendwie. Ist nicht böse gemeint. Bist schon ’nen nettes Mädchen. Aber so etwas sieht man halt nicht so oft. Und hier drin erst recht net. Hier sind alle normal.“ Ich bin irritiert, antwortete fragmentarisch und setze meine gerade begonnenen Dehn-Übungen fort.
Nach über einer halben Stelle werden wir wieder aus der Zelle geholt. Die Beamtin entschuldigt sich für die lange Wartezeit und wir dürfen für eine Viertelstunde zur „Raucherpause auf den Hof“. Ich bin die einzige Nichtraucherin. Wir können endlich den Kaffee trinken, den unsere Mitgefangene für uns gemacht hat. Der ist zwar kalt – aber immerhin ist es Kaffee.
Danach wird weitergearbeitet. Irgendwann wieder eine Pause und weitere Unterbrechungen für die Zuteilung von Arbeitskleidung und Belehrungen. Die Beamtin Frau S. erklärt mir, dass es wichtig sei, die Stückzahlen zu erfüllen und sorgfältig zu arbeiten, da sie die Arbeitsplätze erhalten wolle. Es gäbe immer wieder Frauen, die darauf angewiesen seien, etwas dazu zu verdienen. Ich weiß, dass es hier tatsächlich Frauen gibt, die darauf angewiesen sind und deshalb sogar als U-Häftlinge freiwillig arbeiten. Dennoch finde ich es schwierig, an der Erhaltung einer Arbeitsstelle die für mich Zwangsarbeit darstellt mitzuwirken. Ich erkundige mich weshalb Menschen hier arbeiten müssten, wenn es so schwierig sei, die Arbeitsplätze zu erhalten. Das sei so vorgeschrieben, Arbeitsverweigerung bei Strafhäftlingen müsste sie melden, erwidert Frau S., diese müssten dann ihre Haftkosten zahlen. Auf Rückfrage erfahre ich außerdem noch, das die Aufträge von Firmen außen kämen, die dann zu bearbeitendes Material in den Knast schicken würden. Frau S. äußert, dass ich in den ersten beiden Tagen die Stückzahl noch nicht schaffen könne – appelliert aber an mich, mir Mühe zu geben. Außerdem seien zwar kurze Rückfragen erlaubt, längere Gespräche während der Arbeitszeit aber untersagt.
Ich arbeite weiter und die Zeit bis 12:00 zieht und zieht sich in die Länge. Meine linke Hand schmerzt immer mehr. Mein Kopf fühlt sich an, wie in Watte getaucht und immer wieder stelle ich fest, dass ich Teile verkehrt herum eingebaut habe, die ich dann wieder ausbauen und drehen muss. Als wir dann um 10 nach 12 gehen dürfen habe ich gerade mal drei Kartons zu je 50 Stück geschafft. Der Sollzahl würden etwa 13 entsprechen. Kurz nach Arbeitsende gibt es Mittagessen.
Danach bekomme ich Post. Heute nur drei Briefe. (Später während des Aufschlusses erhalte ich dann aber doch noch mehr Post.) Haben die etwas einbehalten? Außerdem erhalte ich eine Antwort auf meine Beschwerde gegen die Begrenzung der auf der Zelle erlaubten Briefe. Sie ist wie erwartet negativ, doch die Beamtin gibt sich ersteinmal damit zufrieden, dass ich ihr die bereits beantworteten Briefe gebe. Wenig später ist Hofgang (freiwillig) und es ist schön einfach nur in der Sonne zu sitzen und zu lesen. Danach will ich etwas schlafen doch dazu ist keine Gelegenheit, denn nun steht ein unfreiwilliger Arztbesuch an.
Zum Warten werde ich mit drei anderen Frauen in einen Raum gesperrt. Eine von ihnen sitzt wegen Betrug. Sie erzählt, sie hätte mit der Kreditkarte eingekauft, auf den Rechnungen hätte bezahlt gestanden. Das Geld sei aber erst am Monatsende abgebucht worden. Dies hätte sie aber nicht gewusst, weil sie sich ihren Kontoauszug nicht anzeigen lassen hatte. Als am Monatsende das Konto dann nicht mehr ausreichend gedeckt gewesen sei, sei sie wegen Betrugs angezeigt worden. Nun sitzt sie hier, wie ich, Tagessätze ab. Eine andere, die erst seit heute da ist, sitzt ebenfalls wegen einer nicht bezahlten Geldstrafe. Diese sei, berichtet sie, wegen eines unabgestempelten Bahntickets verhängt worden. Mein Besuch beim Arzt verläuft kurz. Ich vermute, dass der einzige Zweck dieser Übung war, mich arbeitstauglich zu schreiben und dazu reichen offensichtlich zwei Minuten aus. Ich muss noch einmal kurz in den Warteraum, dann darf ich wieder in meine Zelle.
Wenig später werde ich gefragt, ob ich duschen möchte. Eigentlich ist nur Montag, Mittwoch und Freitag Duschen, aber die Beamtin erklärt „wer arbeitet darf täglich duschen.“ Trotz der Widerlichkeit der Aussage, genieße ich das Duschen. Wenig später gibt es Abendessen und wie gewohnt um 17:00 Aufschluss. Hier wieder so ein „Knastabläufeding“: Ich darf meine eigene Nagelschere nicht haben. Also leihe ich mir eine im Stockwerksbüro aus. Diese bekomme ich bis zum Einschluss zur Verfügung gestellt. Und sofort stellt sich heraus, dass andere zum Teil gar nicht wussten, dass es Nagelscheren dort gibt. Hier wird vieles erst durch gezieltes Nachfragen erhältlich.
Irgendwann taucht I. (mit der ich neulich die Diskussion über Erziehung von Kindern, Leben ohne Geld, Sinn von Aktionen usw. hatte) auf und fragt, ob sie sich die Fotos in meiner Zelle ansehen dürfte. Darf sie natürlich. Ich erzähle ihr zu jedem Bild etwas. Ihre Freundin M. Entdeckt mein Strafvollzugsgesetz. Etwas beeindruckt meint I., dass sich das doch sicher nicht so einfach lesen lasse. Ich erkläre, dass ich es auch nicht lese, sondern nur zum Nachschlagen verwende und dass die Paragraphen durchaus verständlich sind. Zum Beweis lese ich die gestern herausgesuchten Stellen zur Arbeit im Knast vor. I. ist begeistert. Sie soll morgen nicht mehr im Betrieb, sondern in der Wäscherei arbeiten. Dort will sie das am Anfang einfach mal vorbringen ohne darauf zu beharren. Sie schreibt sich den Paragraphen und stichpunktartig den sinngemäßen Inhalt auf („Fördern“; „Fähigkeiten berücksichtigen“,…). Ich zeige ihr noch ein Bild von der kreidebemalten Knastmauer („Let them free“, „Knäste zu Baulücken“) das mir eine Freundin geschickt hat bevor sie sich wieder verabschiedet. Als kurz darauf S. vorbeikommt kriegt sie das Bild auch zu sehen. „Oh wie schön,“ freut sie sich. Ich unterhalte mich eine Weile mit S. und lade sie ein, in der Zelle Platz zu nehmen. Doch sie meint, sie würde mich vom Schreiben abhalten und setzt ihre Rundtour fort. Etwas später besuche ich sie in ihrer Zelle. Wir tauschen die in der Bastelstunde ausgeliehenen Buntstifte (ich habe grün, blau, lila, sie hat braun, rosa, gelb) dann sagt sie, ich solle meine Tasse holen und bietet mir Eistee an.
Wir unterhalten uns über die Zeit im Gefängnis, über S. plötzliche Verhaftung, über ihre Perspektive. S. meint, ihr Anwalt sage, mit vier Jahren Haft müsse sie schon rechnen. Sie befindet sich in Untersuchungshaft und ihr wird Drogenbesitz vorgeworfen. Ich verspreche ihr zu schreiben, wenn ich wieder draußen bin. Wenig später betritt eine Freundin von S. mit einer weiteren Frau die Zelle. S. Freundin F. Ist die freundliche Frau von der Essensausgabe. Sie spricht nur wenig deutsch, dafür französisch, spanisch, italienisch und arabisch. Wie S. kommt sie aus Marokko. Sie hält mich für eine Art „Star“ seitdem sie in der Badischen Zeitung einen Artikel über unsere Demo zum Knast mit einem Foto von mir entdeckt hat. Unsere Gesprächsrunde ist lustig. Ich rede mit S. deutsch, diese spricht mit F. marokkanisch und F. unterhält sich mit B. (der vierten im Raum) auf italienisch. Richtig schade, als um 19:45 das Signal zum Einschluss kommt – aber ich habe ja auch noch viel zu schreiben.
Wie deine vorherigen Brief, löst auch dieser Brief bei mir so einiges aus: Mir stehen immer wieder die tränen in den Augen, ich muss lachen, schmunzeln, staunen und bin traurig, amüsiert, fröhlich und schockiert zu gleich. Für mich ein so noch nicht da gewesenes Gefühlschaos, was ich sehr spannend finde. Danke für deine tollen Berichte!